Dear White People: Ein offener Brief an die christliche Community

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von @Ruth.ngombo. Vielen Dank Ruth, dass Du mit soviel Liebe und Frieden über dieses Thema teilst. - Larissa

,,Diversity bedeutet Vielfalt von Menschen und Lebensformen. Diversity zielt auf die Anerkennung und Wertschätzung aller Menschen unabhängig von ihrer sozialen, ethnischen etc. Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, ihrem Lebensalter, ihrer physischen oder psychischen Fähigkeiten oder anderer Merkmale.


Noch nie zuvor hat mich ein Gastbeitrag so herausgefordert wie dieser hier. Das Thema Diversity ist schwer.  Es ist emotional, bewegend, es konfrontiert. Es ist kein leichtes, aber es ist ein wichtiges Thema. In diesem Artikel möchte ich nicht belehren; ich möchte teilen. Meine Erfahrung, meine Erlebnisse und meine Hoffnungen.





Liebe christliche Community,


Wir leben in einer Zeit von Individualismus. Und doch wollen wir, als Christen, anders sein. Wir wollen Einheit. Wie wollen ein Kollektiv sein. Wir, als geistliche Familie. Wir, als Leib Christi.  Doch wie können wir ein Leib sein, wenn wir einzelne Glieder übersehen?

Oft bemerken wir es nicht, doch genau wie in unserer Gesellschaft, werden auch in unserer Kirche bestimmte Gruppen übersehen. Es liegt dabei meist nicht an einer aktiven sozialen Ausgrenzung, sondern an einer Passiven.


,,Die soziale Integration kann durch Formen der aktiven und passiven sozialen Ausgrenzung vonseiten der Gemeinde behindert werden. (…) Passive Formen der sozialen Ausgrenzung sind sehr verbreitet. Hierunter verstehe ich die ungewollte und meist auch unbewusste Ausgrenzung von Individuen oder Gruppen. Häufige Ursache für passive Ausgrenzung sind das Fehlen von Türöffnern.” - Simon Foppa

In seinem Buch ,,Kirche und Gemeinschaft in Migration: Soziale Unterstützung in christlichen Migrationsgemeinden” beschreibt Autor Simon Foppa dieses Phänomen als passive Ausgrenzung, d.h unbewusste Ausgrenzung von Individuen und Gruppen. Die Gruppe der PoC. Meiner Gruppe, um genau zu sein.


Aber….


Was sind denn jetzt bitte PoC?


Person of Color (Plural: People of Color, abgekürzt als PoC) ist eine politische Selbstbezeichnung für Menschen, die in der Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß angesehen werden und wegen ethnischer und/oder rassistischer Zuschreibungen von Rassismus betroffen sind. Der Begriff wird in abgewandelter Form auch für Frauen (Women of Color, WoC), Männer (Men of Color, MoC) oder Berufsgruppen (z.B. Artists of Color) verwendet. (1)




Mit der passiven Ausgrenzung von PoC geht auch die mangelnde soziale Anerkennung einher.  Dieselbe Anerkennung, die unsere Kultur bekommt. Unsere Musik, unsere Dance-moves, all das. Es ist schmerzhaft zu sehen, wie auf Instagram Videos viral gehen, in denen Menschen im ,,afrikanischen-Stil” tanzen. Es ist schmerzhaft zu sehen, wie unser Tanz überall auf der Welt gefeiert wird; wie andere Spaß an unserer Kultur haben. Aber uns, wir die sie geprägt haben, wird keine Beachtung geschenkt. Keinen interessiert was mit uns ist. Was wir durchmachen müssen. Dave hat es in seinem Lied ,,Black” perfekt zusammengefasst:


Black is so confusin’, ’cause the culture? They’re in love with it.They take our features when they want and have their fun with it. Never seem to help with all the things we know would come. Loud in our laughter, silent in our sufferin’

,,Schwarz(sein) ist so verwirrend, denn die Kultur? Sie lieben sie. Sie nehmen sich die Eigenschaften, die ihnen am besten gefallen, wann immer sie möchten und haben ihren Spaß damit. Nie mit der Absicht uns mit all den struggles zu helfen, von denen wir wussten, dass sie kommen würden (Rassismus). Wenn wir lachen und es uns gut geht, lachen sie laut mit, aber wenn wir am leiden sind, werden sie leise.”


Versteh mich nicht falsch, es ist schön zu sehen, wie man unsere Kultur feiert. Wir alle lieben sie. Und wir lieben, dass man sie liebt. Aber es tut einfach nur weh zu sehen, dass genau die Menschen, die diese Kultur so feiern dieselben sind, die nichts sagen, wenn es darauf ankommt. Wenn es um Rassismus geht, interessiert sich dann auf einmal keiner mehr. Vielleicht liegt es an Ignoranz. Ignoranz bezüglich unseres Leids und der Existenz von Rassismus. Liebe für unsere Kultur, aber Ignoranz für das Leid der Menschen, die diese hervorgebracht haben.


Ich verstehe, dass für viele das Thema Rassismus unangenehm ist. Es ist nicht schön daran zu denken und wenn wir ehrlich sind, kann es manchmal auch einfach überfordern. In unserer Bequemlichkeit suchen wir uns dann den einfachsten Weg: Verdrängen. Solange wir uns mit Rassismus nicht auseinandersetzen müssen, ist es auch nicht unser Problem.


Fakt ist, Rassismus existiert. Wir sind nicht alle gleich. Warum? Weil wir nicht gleich(wertig) behandelt werden. Es gibt einen Unterschied zwischen dir (,,weiße Person”) und mir. Und das ist keiner, den ich mir ausgesucht habe. Ich gebe nicht Dir dafür Schuld, sondern den Menschen, die das durch ihren Rassismus möglich machen.

Um es in Julia Dalias Worten zu sagen:


,,Weiß und Weißsein bezeichnen ebenso wie Schwarzsein keine biologische Eigenschaft und keine reale Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und ihnen einen privilegierten Platz in der Gesellschaft zuweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft.” (https://www.vogue.de/mode/artikel/how-it-really-feels-julia-dalia)

,,Wir sind doch alle gleich”?  Für viele Menschen ist das leider nicht so. Das zeigt auch ein Experiment, bei dem dieselbe Bewerbung zweimal abgeschickt wurde. Einmal mit dem Namen  “Hakan” und einmal mit “ Hans”. Wer sich den Artikel durchliest, wird schnell bemerken, dass Hans eine positivere Rückmeldung bekommt, als Hakan.


Diese Form des Rassismus nennt man ,,Alltagsrassismus”. Ein weiteres Beispiel dafür sind unaufgeforderte Bemerkungen von Menschen, wie: ,,Du kannst aber gut deutsch.” oder, ,,Du bist aber hübsch für eine Afrikanerin”.


"Der Begriff „Alltagsrassismus“ thematisiert das Zusammenwirken von individuellen Handlungen und gesellschaftlich-kulturellem Rassismus. Alltagsrassismus zeigt sich, wenn sich ein rassistisches Wissen über kulturell verankerte Zugehörigkeitsordnungen, Bilder und Vorstellungen unbewusst und/oder unbeabsichtigt z. B. in vermeintlich neutralen, positiven, oder neugierigen Fragen, Aussagen, Gesten, Handlungen und Blicken niederschlägt. Erstens ist also das Nebeneinander von „süßen und bitteren Worten“ für Alltagsrassismus charakteristisch. Es verschleiert seine Gewaltförmigkeit. Diese liegt zweitens darin begründet, dass Alltagsrassismen rassistisch diskreditierbare Menschen implizit aus dem „Wir“ ausweisen, indem sie anhand rassifizierter Merkmale (Aussehen, Sprache, Namen usw.) unabhängig von ihren individuellen Erfahrungen und Identifikationen als „Andere“ identifiziert und behandelt werden, z. B. durch übergriffige Handlungen wie das Berühren der Haare oder durch Komplimente für Deutschkenntnisse. Drittens ist Alltagsrassismus durch seine Regelmäßigkeit gekennzeichnet. Er erschüttert so permanent das Selbstbild der negativ Betroffenen, eine Erfahrung, deren Schwere häufig noch dadurch verstärkt wird, dass ihnen abgesprochen wird, Rassismus erfahren zu haben." (2)


Es gibt im Gegensatz zum Alltagsrassismus aber auch Situationen, in denen öffentlich menschenverachtende und erniedrigende Beleidigungen gemacht werden (das ,,N-Wort”).


,,Schon das N-Wort zu hören oder zu lesen, ist unangenehm, egal in welchem Kontext. Selbst Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich die Hemmung, es zu tippen. Das Wort hat Macht über mich. Es weckt bittere Erinnerungen an Momente, in denen jemand mich zwang, mich als N*** zu fühlen. Man wird schwarz geboren, aber zum N**** gemacht. Durch Ausgrenzung, Abweisung, Beschimpfung. Durch bittere Erfahrungen und Enttäuschung durch Leute, von denen man eigentlich dachte, sie wüssten es besser.”

Das allererste mal, als ich so bezeichnet wurde, war ich in der 5. oder 6. Klasse. Es geschah in der Schule. Der Grund dafür war, dass wir zu laut im Flur gespielt haben. Als das Mädchen mich so bezeichnete wusste ich gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Also stand ich einfach nur da. Schockiert. Fassungslos. Völlig überfordert mit der Situation. ,,Ist das gerade